Endre BÁLINT
Maler, Grafiker
(Budapest, 27. Oktober 1914–Budapest, 3. Mai 1986)
Zwischen 1930 und 1934 Schule für Kunstgewerbe, Ausbildung zum Werbegrafiker. 1935: Privatschule von János Vaszary. 1936: Vilmos Aba Novák ist sein Lehrer. 1960: Illustrations-Wettbewerb in Edinburgh, 1. Preis. 1971: Grafische Biennale, 3. Preis. 1972: Hauptpreis des Wettbewerbs „In memoriam Bartók” in Debrecen; UNESCO-Preis, Cagnes-sur-Mer. 1973: Grafische Biennale, 3. Preis, Miskolc. 1973: Verdienter Künstler. 1975: Goldener Verdienstorden für Arbeit. 1982: hervorragender Künstler. 1985: Kossuth-Preis. Abgesehen von den Jahren in Paris (1957-1961) lebt er in Budapest. Die Werbegrafik betrachtet er zunächst als Berufung. Erst gegen Ende seiner grafischen Ausbildung fängt er an, sich mit zunehmender Leidenschaft für die Malerei zu interessieren. 1934 macht er mit Lajos Vajda Bekanntschaft. Das Verhältnis der beiden Künstler vertieft sich zur Freundschaft. Vajda bestärkt Bálint darin, sich der Malerei zu widmen. Ab 1936 stattet er Szentendre regelmäßig Besuche ab. Er gehört zu jenem Kreis junger Künstler, die Dezső Korniss und Lajos Vajda als ihre Vorbilder und Mentoren betrachten. Obwohl er bereits 1938 im Rahmen einer Kollektivschau ausstellt, sollte aus seinem Schaffen bis 1945 wenig übrig bleiben. Der Grund: Die Mehrzahl seiner Gemälde vernichtet er eigenhändig. Auf den verbliebenen Bildern dominieren breite, dunkle Konturen. Die Motive, die in instabile, wirre Kompositionen gebettet sind, spiegeln den Versuch wider, das Gesehene expressiv umzugestalten. Der Einfluss von Béla Czóbel ist unübersehbar (Mein Zimmer bei der Familie Bindorfer, 1937). Aus seinen frühen Werken deutet nur wenig auf seine spätere, reife Schaffensperiode hin, darunter die Linolschnitt-Reihe Bei Kerzenschein (1939-1941), die das Schicksal der verfolgten Juden darstellt. Hier sind auch jene später verwendeten assoziativen Motive und Motivfragmente zu finden, die sich - zu Symbolen erhöht - in die Komposition einfügen. Nach der Unbill des Krieges und des Arbeitsdienstes kehrt er 1945 mit neuem Tatendrang ins Kunstleben zurück: Er wird Leiter der Dekorationsabteilung bei der Sozialdemokratischen Partei. Darüber hinaus ist er auch als Sekretär der Fachabteilung für bildende Kunst im Kulturverband der Arbeiter tätig. Und er ist Gründungsmitglied der Europäischen Schule. In seinem künstlerischen Schaffen tauchen neben den alten Motiven neue Themen auf: Erinnerungsbilder des Krieges, mit kraftvollem Gestus gemalte Leichen und Deportierte. 1947 stellt er in Paris im Rahmen der zweiten surrealistischen Weltausstellung aus. Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre sind seine Bilder von Phantasiegestalten bevölkert: Wichte, Kobolde und anthropomorphe organische Wesen. Geplagt von einer Schaffenskrise – er ringt um die Entfesselung seiner bildlichen Phantasie – wendet er sich Mitte der fünfziger Jahre bewusst der von Vajda praktizierten Transparenz-Methode zu. Auf diesen Zeichnungen, die im Montageverfahren entstehen, sind bereits seine späteren charakteristischen Motive erkennbar: Pferdekopfschild, Fragmente von Abbildungen schwäbischer und arabischer Frauen (Dorf bei Nacht, 1954). Im November 1956 wird er zum Sekretär des Bunds Ungarischer Bildender Künstler gewählt. In dieser Funktion ist er an der Organisation der Frühlingsschau beteiligt, später reist er nach Paris. 1958 erscheint im Verlag Édition Labergerie der Band Die Bibel von Jerusalem mit mehr als 1.000 Illustrationen. Die Arbeit an den Illustrationen ist ihm bei der Herausbildung eines eigenen Stils sehr hilfreich. In Hinblick auf die biblischen Motive trachtet er danach, eine Silhouette-Wirkung zu erzielen. Dadurch ergeben sich für ihn eine Vielzahl von visuellen Ideen. Von 1959 an entstehen nacheinander bedeutende Gemälde, darunter Wandergeselle bricht auf (1959), Wunderbare Fischerei (1960), Traum im Volkswäldchen (1960) Hier bin ich schon einmal gewesen I-II. (1960). Auf den Bildern, die zum späten Surrealismus zu reihen sind, mündet das Wechselspiel von Traum und Erinnerung in noch unerschlossene innere Landschaften. Diese sind von Kindheits- und Vergangenheitsnostalgie durchtränkt. Schablonen bekannter Erinnerungsfragmente mischen sich mit unbekannten, geheimnisvollen, vielfach Angst auslösenden Figurationen und Formen, um Teil einer unerzählbaren Geschichte zu sein. Seine horizontal verlaufenden Bilder sind nicht selten auf alte, Vergänglichkeit symbolisierende Bretter gemalt; sie strahlen lyrische Kraft aus.
Nach der Rückkehr aus Paris setzt er die Entwicklung seiner bildlichen Welt fort. Ende der sechziger Jahre, Anfang der siebziger Jahre weichen seine epischen Sujets nach und nach symbolträchtigen Motiven (Triptychon Ikonostase, 1974). Herausgerissen aus den ursprünglichen, gewohnten Bedeutungszusammenhängen treten die Elemente in besondere Dialoge. Sie prägen nicht nur die ironisch angehauchten Montagen (Das Loch ist für alle da, 1959), sondern auch die grotesken Objekte (Merde la chaise?). Seine Schriften und Memoiren, die in mehreren Bänden erschienen sind, sind wichtige Zeugnisse des seinerzeitigen künstlerischen Lebens.