Sándor BORTNYIK
Maler, Graphiker, Planzeichner
(Marosvásárhely, 03. Juli 1893–Budapest, 31. Dezember 1976)
1913–1915: Freie Schule von Kernstock-Vaszary-Rippl-Rónai. 1933: Silbermedaille der Kunstgewerbe Triennale in Mailand. 1950: Goldene Verdienstmedaille der Ungarischen Volksrepublik. 1953: Verdienstorden für Arbeit. 1955: Munkácsy-Preis. 1956: Verdienstvoller Künstler. 1946, 1968: Goldener Verdienstorden für Arbeit. 1970: Herausragender Künstler. 1973: Kossuth-Preis. Er verdingt sich bereits sehr früh mit der Werbegraphik. 1910 entwirft er sein erstes Plakat für den Reményi-Basar. Kurz darauf wird er vom Budapester Parfümproduzenten Savoly als Hausgraphiker angestellt. Zwischen 1913 und 1915 studiert er mit Unterbrechungen an der Freien Schule von Kernstock-Vaszary-Rippl-Rónai im Künstlerhaus. Den größten Einfluss auf ihn hat Kernstock. 1917 lernt er Lajos Kassák kennen. Über Kassák kommt er mit dem Dunstkreis des Periodikums Ma (Heute) in Kontakt. Er nimmt an den Ausstellungen des Ma-Kreises teil. Die Zeitschrift veröffentlicht regelmäßig seine Graphiken, und begleitet mit positiven Rezensionen sein Schaffen. 1920 emigriert er nach Wien. Er bleibt jedoch weiterhin Mitarbeiter von Ma. In Wien entwirft er für den Ungarischen Verlag sowie den Bán Verlag Buchumschläge. 1921 wird sein Album mit abstrakten Schablonendrucken herausgegeben. Kassák bezeichnet diese Drucke als Bildarchitekturen und würdigt sie als programmatische Werke des ungarischen Konstruktivismus. 1922 trennt er sich von Ma. Er zieht nach Weimar, wo er mit dem Bauhaus und Théo van Doesburg in Kontakt kommt. 1922 und 1923 werden seine Werke von Herwarth Walden in der Berliner Galerie Sturm vorgestellt. Nach einem Zwischenaufenthalt in Košice/Kaschau (1924) kehrt er 1925 endgültig nach Budapest zurück. In jenem Jahr stellt er sich mit einer eigenen Ausstellung in der Mentor Buchhandlung vor. 1925 ist er einer der Mitbegründer des absurden Theaters Grüner Esel. Zwischen 1925 und 1926 arbeitet er dort als Bühnenbildner und Dramatiker. 1927 ist er künstlerischer Mitarbeiter der Zeitschrift Új Föld (Neue Erde). 1930 ist er Mitbegründer der Gesellschaft Ungarischer Buch- und Werbekünstler. Als ihr Mitglied stellt er zwischen 1929 und 1931 in der Neuen Gesellschaft Bildender Künstler aus. 1932 wird er Ausschussmitglied des Bunds Ungarische Werkstatt. Zwischen 1928 und 1938 leitet er eine Privatschule unter dem Namen Werkstatt. Er lehrt hier nach den Prinzipien des Bauhauses. In den Zeitschriften Reklámélet (Werbewelt) und Magyar Grafika (Ungarische Graphik) verbreitet er in mehreren Schriften seine planerischen Vorstellungen. 1933 gibt er ein eigenes Periodikum mit dem Titel Plakát (Plakat) heraus. Er ist ein erfolgreicher Plakatkünstler. Für den Dante Verlag entwirft er zahlreiche Titelblätter. Ab 1945 spielt er eine aktive Rolle im öffentlichen Kunstbetrieb. 1946 ist er Mitglied des Künstlerischen Rates. Zwischen 1947 und 1949 ist er Chefredakteur der Zeitschrift Szabad Művészet (Freie Kunst). Zwischen 1948 und 1949 ist er Professor an der Ungarischen Hochschule für Kunstgewerbe. Zwischen 1949 und 1956 ist er Direktor an der Ungarischen Hochschule für Bildende Künste.
Seinen ersten autodidaktischen Zeichnungen, die an Zeitungsillustrationen erinnern, folgen allegorische Tuschzeichnungen mit strengerer Komposition. Ideell und thematisch spiegeln diese Zeichnungen die Kunsthaltung der Gruppe der Acht wider. Ab 1915 erscheinen seine effektvollen kommerziellen Plakate, die - im Geiste des Sachplakats entstanden - gleichermaßen sachlich und dekorativ sind. Er ist ein talentiertes Mitglied der aktivistischen Bewegung. Auf individuelle Weise verbindet er die Mittel des Kubismus, Expressionismus und Futurismus. In seinen Linoleum- und Holzschnitten erreicht er mit einfachsten Mitteln die kubistische Zerlegung der Perspektive. Durch schwarz-weiße Fleckenkontraste und konzentrische Kompositionen vermag er auch im Kleinformat eine dynamische Wirkung zu erzielen. Seine Neigung zur emblematischen Verdichtung kommt insbesondere bei den Titelblättern der Zeitschrift Ma zur Geltung. Seine Illustrationen zu den Gedichten von Árpád Szélpál, Sándor Barta und Erzsébet Újvári erinnern durch ihre groteske Formensprache und ihren starken Gefühlsinhalt an die deutschen Expressionisten. Mit dem Schnittporträt Lenin, Liebknecht und Kassák gelingt es ihm auf virtuose Weise, das aktivistische Menschenideal und das individualisierte Porträt zu vereinen. Die expressive Kraft seiner Bildkompositionen wird durch die bewusst ausgearbeitete Farbdynamik noch erhöht (Gelb-grünes Landschaftsbild, 1919; Konstruktive Komposition mit drei Gestalten, 1919; Komposition mit sechs Figuren, 1919). Indem er die avantgardistischen Strömungen synthetisiert, sublimiert er die Motive der linken Kunst in Europa zu Symbolen (Fahnenträger, 1918; Rote Fabrik, 1919; Rote Lokomotive, 1919; Rote Sonne, 1919; Eine kommunistische Republik!, 1919). In der Wiener Emigration formuliert er die revolutionären Themen in nüchternerer, gefühlsärmerer Form neu. Sein Ma-Album inspiriert Lajos Kassák zur Ausarbeitung des Begriffs Bildarchitektur. Die vor dem neutralen Hintergrund schwebenden geometrischen Formationen betrachtet er als Bausteine der neuen Gesellschaft und als Symbol der geistigen Revolution, die der sozialen vorausgeht. Im Bannkreis des Bauhauses schafft er Bilder, die Fragen der Abstraktion, des Kolorits und der Raumdarstellung nachgehen. Später füllt er den abstrakten Bildraum mit Gegenständen. Die kleinformatigen Gouache- und Ölbilder sind am ehesten mit den Werken der französischen Puristen verwandt. Ihr analysierendes Moment schließt die Dekorativität und Innerlichkeit nicht aus. Seine satirischen Kollagen (Album vom Grünen Esel, um 1925) und gemalten Bilder (Der grüne Esel, 1924; Der neue Adam, 1924; Die neue Eva, 1924; Das zwanzigste Jahrhundert, 1927; Der Maschinenritter, 1928) stehen in ambivalentem Verhältnis zum Konstruktivismus und Funktionalismus. Als origineller, produktiver und erfolgreicher Werbegraphiker kann er seine funktionalistische graphische Methodik gut zur Geltung bringen. In seinen autonomen Werken vermag er seine Zweifel in Sarkasmus aufzulösen. In Hinblick auf sein malerisches Schaffen wechselt er Anfang der dreißiger Jahre zu einer ungezwungenen, flächenhaften und dekorativen Genremalerei, die auf unterschiedliche Lebenssituationen der Kleinbürger fokussiert ist. Später greift er zu naturalistischeren Mitteln. Er wählt das Leben der Gaukler sowie der armen Stadt- und Landmenschen zum Thema. Nach 1945 setzt er diese deskriptive Malerei fort, er entlehnt allerdings auch Elemente aus dem Postimpressionismus des Gresham-Kreises. Er ist ein prononcierter Befürworter der kommunistischen Kunstpolitik. In seinen Werken jedoch wird er den offiziell manifestierten Erwartungen des sozialistischen Realismus nicht gerecht. Er greift vielmehr zu satirischen Mitteln. Dabei nimmt er die Meister der modernen Kunst ins Visier (Modernisierte Klassiker, 1953-54). Auch kritisiert er soziale Phänomene (Held unserer Zeit, 1963; Mona Lisa im XX. Jahrhundert, 1963; Eris’ Apfel, 1967; Der Demagoge, 1969). Angesichts des internationalen Erfolgs seiner frühen Werke arbeitet er in seinen letzten Lebensjahren an deren Replikaten.
(Peter Bognár)